Heinrich Bedford-Strohm

Theologie als Beruf - Theologie Im Beruf ?

Chancen und Bewährungsfelder theologischer Ausbildung in Kirche und Gesellschaft

Tagung der Gesellschaft für Evangelische Theologie für Theologinnen und Theologen in Studium und Berufsanfang am 5.-6. Oktober 2000 in der Ökumenischen Werkstatt Wuppertal

1.) Die 55 Teilnehmer/innen, die meisten davon Studierende oder in der Berufsfindungsphase Befindliche, machten einen außerordentlich wachen und engagierten Eindruck.

2.) Es zeigte sich schon bei der ausführlichen  Vorstellungsrunde, dass die vergangenen zehn Jahre der Stellenknappheit nicht ohne Auswirkungen auf das Berufsverständnis der angehenden Pfarrer/innen geblieben sind. Wir erlebten bei der Tagung die Studierenden, die man sich in den Kirchenleitungen eigentlich immer gewünscht hat: innerlich flexible junge Leute, deren Zukunftsperspektiven nicht am Pfarramt klebt, sondern die sich auch andere Berufswege vorstellen können und neben der inneren Bindung an die Kirche auch ein gewisses Maß an Distanz zu den eingefahrenen Wegen erkennen ließen, die traditionellerweise zum Pfarramt fühlten. Einer der abwesenden Ausbildungsreferenten brachte seine Ambivalenz im Hinblick auf dieses Phänomen zum Ausdruck Die ungeteilte Leidenschaft für den Beruf des Pfarrers, die Identifikation mit dem Amt, die gerade beim Pfarrerberuf bisher als Aktivposten galt, tritt  heute in den Hintergrund. Die jahrelangen Appelle, bloß nicht zu sehr auf die berufliche Zukunft als Pfarrer zu setzen und auch tut andere Wege offen zu sein, haben in den Heizen und Köpfen des theologischen Nachwuchses Spuren hinterlassen.

3 ) Für mich erfreulich und für die Zukunft als Potential wahrzunehmen, war die Tatsache, dass die Tagungsteilnehmer, die ich eingeladen hatte, weil sie als Theologen jetzt in nicht-kirchlichen Berufen arbeiten, eine nach wie vor starke Bindung und Identifikation mit ihrem "Theologe/in-Sein" erkennen lassen. Wer 'Theologie studiert hat, so sagten etwa Unternehmensberater, denkt anders und hat eine Perspektive auch in anderen Berufen, die ei ohne dieses Studium nicht hatte. Auch die ZDF-Journalistin versteht sich weiterhin als Theologin und sieht ihren jetzigen Beruf als eine Form, dieses Studium fruchtbar werden zu lassen (ich würde es im Englischen als eine Art "ministry“ bezeichnen).

4.) Alle Teilnehmer, die in anderen Berufen arbeiten, ließen starkes Interesse erkennen, von ihrer Kirche aas Theologen wahrgenommen zu werden. Bisher, so die einhellige Meinung, hätte sich die Kirche nicht für sie interessiert. Konvente für Theologen in anderen Berufen, wie einige Landeskirchen (Nordelbien berichtete nur in einem der Briefe darüber) sie anvisieren, sind hier sicher ein sehr verheißungsvoller Weg.

5.) Es wurde einige Bitterkeit deutlich über den Kontaktabbruch zu den nicht-übernommenen Bewerbern durch die Kirchen. Offensichtlich ist die Art, wie schwere, aber notwendige Ausschlussentscheidungen umgesetzt worden sind bzw. werden, nicht so einfühlsam, wie sie sein könnte Die Bewerber fühlen sich fallengelassen und bekommen die Nachricht offensichtlich häufig per Post, ohne weitere Begleitung. Wer ein von der Kirche enttäuschtes Theologenproletariat verhindert möchte, sollte hier eine persönliche Form wählen. Die Hessen-Nassauische Kirche versucht gegenwärtig, die Adressen abgelehnter Bewerber ausfindig zu machen und ihnen weiteren Weg wenigstens im Nachhinein zu verfolgen. Es wird sogar zu einer Tagung eingeladen, bei der diese abgelehnten Bewerber zusammenkommen können. Das Echo ist zwar begrenzt, aber der
Versuch geht sicher genau in die richtige Richtung.

6 ) Die Drastik der Übernahmesituation, insbesondere in Westfalen, erzeugt insbesondere bei denen, die aus einer besseren Situation kommen, Betroffenheit. Insbesondere die Tatsache, dass aufgrund der jeweiligen bewerbungskonjunkturellen Lage die Hälfte aller Absolventen des Studiums direkt nach Vollendung desselben endgültig ausgelesen werden, ist eigentlichein unerträglicher Zustand. Es stellt sich die Frage, ob es wirklich keine bessere Lösung für das Problem der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage gibt.

7.) Mit großem Unbehagen wurde die Unterschiedlichkeit der Situationen in den einzelnen Landeskirchen zur Kenntnis genommen. Es ist schwer verständlich zu machen, warum die Durchlässigkeit zwischen den Landeskirchen nicht mehr erhöhl werden kann. Kurhessen-Waldeck etwa übernimmt von Hessen-Nassau. Für die Westfalen scheint bisher jedenfalls noch keine Option im Bewusstsein zu sein, anderswo Pfarrer werden zu können

8 ) Es wurde die Frage gestellt, ob den Kirchenleitungen eigentlich bewusst ist, welches Privileg es für einen späteren Arbeitgeber ist, schon während des Studiums über die Konvente in solch engen Kontakt mit den Studis zu sein. Jedes Unternehmen würde sich die Finger lecken ob der Möglichkeit einer frühzeitigen Bindung ans eigene Haus.

9 ) Auch aus theologischer Sicht, ist es als Chance zu seilen, dass Theologen/innen in anderen Berufen arbeiten und dort ihr "ministry" ausüben. Theologie ist nicht zuerst als Vermittlung ganz bestimmter Kompetenzen zu sehen, die zielgerichtet angewendet werden, sondern Theologie ist ein Habitus, Das Studium prägt den Menschen in Weisen, die im Beruf oft nur indirekt zum Ausdruck kommen (z.B. durch erhöhte ethischen Sensibilität).

10.) In der Wirtschaft arbeiten Theologen, weil ihre Fähigkeiten etwa im kommunikativen Bereich als besonders gut entwickelt gelten. Es wurde auf der Tagung aber durchaus auch gefragt, ob das Theologiestudium in solche Fälligkeiten wirklich vermittelt.

1.)   Die Tagung wurde von vielen auch als Informationsbörse genutzt. Es wurden insbesondere von den TheologInnen, die in arideren Berufen erfolgreich tätig sind, viele Tipps für zukünftige Bewerbungen gegeben.

!2 )   Theologen/innen sollten sich mit der Kirche identifizieren, ohne sich von ihr verschlucken zu lassen: "kritische Loyalität"' (Nikolaus Schneider).

13.)   Die Kirchen werden sich .n Zukunft sein- bemühen müsse«, die Attraktivität des Pfarrberufs deutlich zu machen und kommunikative offene und intellektuell hungrige junge Leute zu werben, damit die Qualität der Ausübungen des Pfarramts langfristig gesichert bzw. verbessert werden kann